Selbstwahrnehmung als Grundlage von Handlungs- und Führungskompetenz
Ein Plädoyer für die Frage: Und wie geht es mir dabei?
Peter Pfisterer
Dass der Anpassungs- und Leistungsdruck in
Zeiten der Globalisierung und der zunehmenden Arbeitslosigkeit wächst, ist
unbestritten. Um im härter werdenden Konkurrenzkampf zu bestehen, orientieren
wir uns nach aussen. Da hat die Frage nach der eigenen Befindlichkeit keinen
Platz. Wer jedoch eigene Bedürfnisse immer wieder übergeht, muss längerfristig
mit einem Leistungsabfall, mit körperlichen Beschwerden oder mit
zwischenmenschlichen Schwierigkeiten rechnen.
emotional check-up ist ein professionelles
Angebot, um die Balance zwischen Leistungsanforderung und eigenen Bedürfnissen
wiederherzustellen.
Zwischen Anpassung und Autonomie
Ärgern Sie sich in der Bahn über Mitreisende,
die sich die Freiheit nehmen, den gegenüberliegenden Sitz mit ihren Füssen zu
belegen? Oder lassen Sie sich von diesem raumeinnehmenden Verhalten anstecken
und wagen auch einmal, was Sie schon lange gerne
getan hätten? - Wem es in einem solchen Moment des Grollens und Verurteilens
gelingt, dem Grund des eigenen Unmutes nachzuspüren, der wird bald entdecken,
dass die Abneigung gegen das Verhalten des andern mit den eigenen Fesseln zu
tun hat. Da nimmt sich jemand Freiheiten heraus, die man sich selber verbietet!
Ich bin kein Gegner der Anpassung.
Anpassungsleistungen sind eine gesellschaftliche Notwendigkeit, um nicht in
Anarchie und im Chaos zu verkommen. Wie überall ist es jedoch eine Frage des
Abwägens: Wer sich nur anpasst, verpasst es, sein eigenes Leben zu leben. Wer
sich gar nicht anpasst, verpasst das Leben mit andern. Die Balance zu finden
zwischen Anpassung und Selbstständigkeit ist ein fortwährender Prozess. Wer
eigene Kinder hat, wer mit Aus- und Weiterbildung zu tun hat oder Mitarbeiter
führt, ist immer wieder mitten drin in der Auseinandersetzung: Anpassung zu
fordern und Autonomie zu akzeptieren.
Erst kommt die Pflicht und dann?
Von Kindsbeinen an hat man uns beigebracht was
rechtens ist. Erst komme die Pflicht, dann das Vergnügen. Das haben wir
gelernt: den Erwartungen zu entsprechen, die an uns gestellt werden. Wir haben
uns angepasst und sind dabei nicht nur schlecht gefahren. Die Frage "Und wie
geht es mir dabei?" haben wir uns abgewöhnt. Sie scheint nicht angebracht
zu sein. Weil sie vom gewohnten Tramp ablenkt, wird sie als störend empfunden.
Wo käme man hin, wenn man sich dauernd mit der eigenen Befindlichkeit
beschäftigen würde? - Also dann lieber gar nicht. - Oder doch? - Wie viel
leichter ist es, sich hinter Sachzwängen zu verstecken, Anordnungen von oben
vorzuschieben, um sich die Sache vom Leib zu halten. Immer noch wird
Emotionalität gleichgesetzt mit Weichlichkeit oder Unbeherrschtheit.
Man sollte meinen, es sei eine
Selbstverständlichkeit, sich ab und zu die Frage nach der eigenen
Befindlichkeit in Erinnerung zu rufen. Doch Hand aufs Herz: Ist die Regel nicht
eher die, dass wir zuerst unsern Verpflichtungen nachkommen, gemäss dem
Sprichwort: Der brave Mann/die nette Frau denkt an sich selbst zuletzt?
Die Schlüsselfrage
Bevor Sie diesen Artikel zur Seite legen,
merken sie sich diese eine Frage: Wie geht es mir? Ob Sie jetzt in Ruhe diese
Zeilen lesen oder sich gedanklich bereits auf Ihre nächste Aufgabe vorbereiten,
ist einerlei. Wo immer Sie sind, was immer Sie tun, leisten Sie sich einen
kurzen Moment lang Ihre eigene Aufmerksamkeit. Richten Sie die freundliche
Frage: Wie geht es Ihnen? für einmal an sich selber. Die Frage lautet dann: Wie
geht es mir? Und weil das ungewohnt klingt, ist es sinnvoll, die Frage
deutlicher zu stellen: Wie geht es eigentlich mir?
Terminpläne und eigene Bedürfnisse
In meinem Beruf habe ich es mit aufmerksamen
Menschen zu tun, die sich dieser Frage stellten. Es sind fürsorgliche Menschen,
die sich für ihre Familien einsetzen, die Partnerschaft ernst nehmen, beruflich
engagiert und auch bereit sind, überdurchschnittliche Einsätze zu Gunsten
anderer zu leisten. Sich selber schonen sie nicht - in einem bestimmten Sinn.
Ihre Biografie ist geprägt von Verzicht. Vieles, was sie gemacht haben, taten
sie, um es andern Recht zu machen. Eigene Bedürfnisse wurden dafür hintan
gestellt. Diese meldeten sich zwar immer mal wieder als leichtes Unbehagen, das
aber weggeschoben wurde. Manchmal war es stärker, manchmal weniger stark
spürbar. So richtig damit auseinandersetzen mochte man sich dann auch wieder
nicht. Schliesslich sollte man mit dem Erreichten zufrieden sein. Trotz solcher
und ähnlicher Beschwichtigungsversuche, ein Rest dieses Unbehagens bleibt
bestehen. Irgendwann, eines Tages kommt der Punkt, wo man nicht mehr kann, so
wie bis anhin nicht mehr will. Man will der Sache auf den Grund gehen. Nicht
selten ist es eine Kleinigkeit, eine Bemerkung zuviel, die zum Entschluss
führt, jetzt etwas für sich zu tun.
Es kann sein, dass man sich schämt, wegen
einer Lappalie plötzlich anzustehen, wo man im Leben doch schon viel
schwierigere Situationen gemeistert oder ausgehalten hat. Aber eben, das ist es
ja. Man hat im Leben so vieles mit sich selber abgemacht. Vielleicht zu vieles.
Wer solches gewohnt ist, dem fehlt die Erfahrung, dass ein Gespräch klärend
sein kann, weil da ein anderer zuhört.
Professionelles Zuhören
In der psychologischen Beratung geht es
zunächst einmal ums Erzählen und Verstehen, um die Grundkonstanten der Kommunikation
also. Dies ist gerade am Anfang nicht so einfach, besonders wenn der/die
Ratsuchende meint, versagt zu haben.
Der professionelle Zuhörer weiss darum. Durch
das Hin und Her von Erzählen und Zuhören, Nachfragen und Verstehen baut sich
jene Vertrautheit auf, die es braucht für die Arbeit an sich selber.
Der Klient/die Klientin gewinnt so zunehmend
Vertrauen zu seiner/zu ihrer inneren Wirklichkeit. Mehr und mehr traut er/sie
dem, was er/sie eigentlich schon immer wusste oder geahnt hat. Die Möglichkeit,
sich einem andern gegenüber frei zu äussern, ohne die Angst, zurechtgewiesen
oder lächerlich gemacht zu werden, eröffnet eine neue Dimension des Gesprächs.
Für einmal steht er/sie im Mittelpunkt. Um ihn/sie geht es.
Plötzlich werden Kleinigkeiten bedeutungsvoll.
Plötzlich ergeben sie Sinn. Was jahrelang unterdrückt oder beiseite geschoben
wurde, erhält nun Platz.
Es ist spannend mitzuerleben, wie dadurch
eigene Ressourcen wieder entdeckt werden, wie das, was so belastend und
behindernd war, wegfällt und sich an seiner Stelle neue Perspektiven auftun.
Als Berater mache ich die Erfahrung, dass es
selten um radikale Änderungen wie Berufswechsel, Auflösung der Partnerschaft
oder ähnlich einschneidende Massnahmen geht. Oft genügt es, die eigene
Position, sei es in der Familie oder im Geschäft, durch eine minimale
Kurskorrektur neu zu definieren: Ein Geschäftsführer erhält die ihm zustehenden
Kompetenzen wirklich, eine leitende Mitarbeiterin bekommt bei der
Geschäftsleitung ein Mitbestimmungsrecht, Präsenzzeiten oder
Überstundenkompensationen werden neu geregelt bzw. ausgehandelt oder, und das
ist oft das Entscheidende, man kann sich endlich Gehör verschaffen. Solche
pragmatischen Veränderungen stützen die Autonomie und wirken sich auf die
Gesamtbefindlichkeit aus. Nicht nur das, sie werden beispielhaft für spätere
Kurskorrekturen im eigenen Leben.
Der Fokus ist auf die Klärung gerichtet
Meistens wird zu schnell nach Lösungen
gesucht. Das verhindert eine Gesundung an Körper und Seele. Wir leben in
einer lösungsorientierten Gesellschaft.
Dabei vergessen wir, dass vor der Suche nach Lösungen eine Zwischenstufe
unbedingt und notwendig sein muss: die Klärung. Die Frage "Und wie geht es
mir dabei?" ist der Schlüssel für die Klärung.
Eine gute Beratung löst mit der Schlüsselfrage
den Klärungsprozess aus, begleitet ihn und leitet das Suchen nach Lösungen ein.
Wer sich der Befindlichkeitsfrage einmal gestellt und sich auf die
Auseinandersetzung und Klärung der dadurch entstehenden Fragen eingelassen hat,
gewinnt etwas Wichtiges: eine Orientierung an der eigenen Befindlichkeit, den
eigenen Gefühlen. Diese neue Orientierung kann neue Wege aufzeigen, neue
Horizonte schaffen.
In meiner Arbeit komme ich mir manchmal vor
wie ein Bergführer, der seine Gäste ans Seil nimmt, über Gletscherspalten und
um Abbrüche führt, einen sicheren Stand, einen festen Griff zeigt und sie
gestärkt und wohlgemut nach erfolgreicher Tour wieder verabschiedet. Wir
brauchen kein bungee jumping, keinen ultimativen Kick, um uns im Leben zurechtzufinden.
Es genügt, wenn wir die Verbindung wieder herstellen zu unsern eigenen
Ressourcen: zu unsern Gefühlen. Da finden wir die Kraftquelle und den Mut Neues
zu wagen.
Und nun stellen Sie sich doch nochmals die
Frage: Und wie geht es mir, jetzt?
© Dr.phil. Peter Pfisterer, 2003
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