Psychologie des Risikos und der Entscheidung
Fallvorstellung: Festsetzung der Abwasserabgabe
Peter Pfisterer
Einleitung
Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema, wie
ein physiologisches Bedürfnis zum psychologischen Problem wird.
Sie kennen es, das Warten vor der besetzten
Toilette, das ungeduldig Hin und Hertreten, das Abschätzen, wie lange man noch
durchhalten kann. Sie kennen es auch, das erleichterte Durchatmen, wenn "es"
regelkonform vorbei ist und wir - zum Dank für die geglückte Befreiung - die
Hände unter dem Wasserhahn reiben, um dann leicht beschämt, am nächsten
Notleidenden vorbeigehend, erfrischt und neu gestärkt uns wieder ins
Tagesgeschehen zurückbegeben.
Das haben wir gelernt, schliesslich sind wir,
kaum konnten wir gehen, zur Reinlichkeit erzogen worden.
Das Thema, das uns heute beschäftigt, ist
nicht die individuelle Verrichtung der Notdurft, die zweifelsohne
psychologische Aspekte hat, sondern die Anhäufung individueller Notdürfte. Im
Klartext: wenn viele das tun, was wir eben geschildert haben, dann wird aus den
kleinen Wässerlein ein Abwasserstrom, der irgendwohin fliesst und irgendwo auch
entsorgt werden muss.
Nun könnten Sie einwenden, dass die Frage, wie
das Abwasser gereinigt und entsorgt wird, ein technisches Problem ist, welches
mit Psychologie nichts zu tun hat. Dass dieser Einwand nicht stimmt, ist
einfach zu verstehen, denn technische Probleme können nur von Menschen gelöst
werden und wo Menschen etwas tun, gibt es naturgegeben psychologische Probleme.
Ich möchte Sie deshalb einladen, mit mir den Punkt zu finden,
wo das technische Problem psychologisch gelöst
werden kann.
Ausgangslage
Es gehört zu den Errungenschaften unserer
Gesellschaft, dass wir zunehmend erkannt haben, dass Beziehungen bestehen
zwischen menschlichem Tun und der Umwelt. Wir wissen z.B., dass sich im
Abwasser Schadstoffe befinden, die, wenn sie nicht herausgefiltert werden, ins
Trinkwasser gelangen und auf diesem Weg dem Menschen schaden können. Dieses
Wissen über Schadstoffe und die Schädlichkeit hat die Menschen veranlasst,
etwas zu tun. In grösseren Agglomerationen sind Kehrichtsverbrennungs- und
Abwasseraufbereitungsanlagen nicht wegzudenken.
Was wir jedoch weniger genau wissen, ist, in
welchen Konzentrationen und in welchen Kombinationen Schadstoffe dem Menschen
tatsächlich abträglich sind. In diesen Bereichen sind wir auf Expertenwissen
angewiesen. Was wir hingegen genau
wissen, ist, dass Expertenwissen nicht über alle Zweifel erhaben ist. Dennoch
müssen wir Experten zugestehen, dass sie Werte festlegen können, welche mit
grosser Wahrscheinlichkeit einem möglichen Risiko Rechnung tragen.
Was uns Experten also bieten, sind sogenannte Grenzwerte.
Ich zitiere: "Misst man dem Menschen als
schützenswertes Lebewesen einen hohen Wert zu und hat bestimmtes Wissen über
die Schädlichkeit eines Stoffes, bestimmt man einen Grenzwert so, dass das
Risiko für den Menschen, durch diesen Stoff geschädigt zu werden, möglichst
klein ist" (Weber, 1996, 135). Es existiert zudem Wissen über die Kosten,
welche die Einhaltung solcher Grenzwerte verursachen werden, so dass bei der
Festsetzung von Grenzwerten nicht nur die hehre Menschlichkeit eine Rolle
spielt, sondern dass Grenzwerte im Spannungsfeld einer Kosten-Nutzen-Rechnung
festgelegt werden. M.a.W. heisst das, dass das Festlegen von Grenzwerten immer
auch eine politische Diskussion beinhaltet.
Zu diesen Kosten hinzu, gesellen sich weitere:
nämlich all jene, die zur
Überprüfung der Einhaltung von Grenzwerten
dienen, d.h. die Kontrolle der Grenzwerte bedarf einer Verordnung bzw. eines
Gesetzes, worin festgehalten ist, wie die Kontrolle durchzuführen ist, und, was
wichtig ist für unser Beispiel, was die Konsequenzen sind, wenn die Werte
unter- bzw. überschritten werden.
Abwasserabgabengesetz (AbwAG)
Das in deutschen Landen heftig umstrittene Abwasserabgabegesetz,
welches im fünften Jahr seiner In-Kraft-Setzung bereits die fünfte Revision
hinter sich hat, ist, um eine Metapher zu gebrauchen, die Spielregel für die
Abwasserreinigung, welche ich kurz erläutere:
Hauptperson oder Spielleiter ist der
Einleiter. Es handelt sich hier um einen Ingenieur, der einer Kläranlage
vorsteht und verantwortlich ist für die Einhaltung der Grenzwerte. Ihm obliegt
es, den sogenannten Überwachungswert festzulegen. Am Ende eines Jahres erklärt
er für bestimmte Parameter, welche Werte er im folgenden Jahr erreichen wird.
Dies muss er deshalb im Voraus bekanntgeben, weil die Einhaltung bzw.
Überschreitung der Werte finanzielle Konsequenzen in mehreren Hunderttausend
Mark hat, also budgetiert werden muss. Damit haben wir einen weiteren
Mitspieler kennengelernt, den Stadtkämmerer. Die Höhe der Abgabe, die
für die Reinigung des Wassers errechnet wird, richtet sich nämlich nicht nur
nach der zu reinigenden Menge, sondern auch nach der Qualität des Restwassers
nach der Reinigung. Diese wird fünfmal jährlich von einem Probennehmer
überprüft. Die Spielregel lautet nun so:
Hält der Einleiter seinen im Voraus
festgelegten Überwachungswert ein, zahlt er den dafür abgemachten Betrag.
Überschreitet er den Überwachungswert einmal bei fünf Messungen, so muss er für
diese Überschreitung 50% des Abgabesatzes pro Schadeinheit zahlen. Bei
zweimaliger Überschreitung muss er für die Schadeinheiten, die den
Überwachungswert überschreiten, einen höheren Prozentsatz zahlen, nämlich 75%.
Der Prozentanteil der Abgaben wird im Vergleich zur Einhaltung des
Überwachungswertes um das Vierfache höher, wenn die Mindestanforderungen
überschritten werden oder der Überwachungswert um mehr als das Doppelte
überschritten wird. Die Mindestanforderung richtet sich nach den anerkannten
Regeln der Technik. Sie legt z.B. für CSB (Chemischer Sauerstoff Bedarf
zur Revitalisierung des
75 mg/l, für Phosphor 1 mg/l oder
für Stickstoff 18 mg/l fest.
Problempunkte
Bei dieser Spielanordnung ist unschwer zu
erkennen, dass der Einleiter sich in einer für ihn unkonfortablen
Ausgangssituation befindet. In Unkenntnis, was im kommenden Jahr auf ihn
wartet, muss er sich festlegen, wie er mit dem für alleUnbekannten
umgehen wird. Das ginge ja noch hin, wenn alle Mitbeteiligten sich dieses
Tatbestandes bewusst wären. Es ist jedoch eher anzunehmen, dass die Beteiligten
je ihren Job ernst nehmen. D.h., dass z.B. der Kämmerer sich auf die vom
Einleiter festgelegten Werte berufen wird, falls dieser eine Fehlentscheidung
getroffen hat und er, der Kämmerer, nun zur Kasse gebeten wird.
Als einmaliges Ereignis kann der zuständige
Politiker, in dessen Ressort die Abwasseraufbereitung fällt, sich und seine
Mitarbeiter vor den Steuerzahlern rechtfertigend reinwaschen. Im Wiederholungsfall
dürften solche Rechtfertigungsversuche kaum für das politische Überleben
zuträglich sein. Ihm würde Führungsschwäche und Ähnliches vorgeworfen, und er
müsste um seine Wiederwahl bangen. Also hat auch er ein Interesse, dass der
Einleiter ihm möglichst keine Komplikationen bereitet.
Wir können davon ausgehen, dass dem Einleiter
diese Abhängigkeiten durchaus bewusst sind. Ebenso wahrscheinlich ist auch,
dass besagte Mitspieler zumindest etwas von den Schwierigkeiten ahnen, in
welchen sich der Einleiter befindet, denn wie anders lässt sich erklären, dass
Mathematik-Experten zu Problemlösungen zugezogen werden?
Es muss offensichtlich allen klar sein, dass
dieses Spiel Regeln beinhaltet, welche nicht allen Beteiligten dieselbe
Gewinnchance einräumt. Hauptbenachteiligter ist der Einleiter, von dessen
Überwachungswerten der Ausgang des Spieles abhängt.
Von daher ist es für die Überarbeitung des
Spieles naheliegend, dass zunächst geschaut wird, wie die Überwachungswerte
optimiert werden können.
Ich zitiere: "Bei Kenntnis der Vorjahreswerte
und der Annahme, dass sich diese Werte nicht wesentlich verändern, kann man
durch stochastische Simulation berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein
Üeberwachungswert eingehalten werden kann. Für jeden Überwachungswert kann der
zu zahlende Betrag berechnet werden. Die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der
Beträge können sich jedoch erheblich unterscheiden. Ein optimales Ergebnis gibt
es nicht. Als Möglichkeit zur Wahl eines Optimierungskriteriums bietet sich der
Erwartungswert, also der Schwerpunkt der Verteilung an. Dieser Wert würde sich
z.B. im Jahresmittel als Durchschnitt ergeben."(Weber, 1996,140)
Es hat sich jedoch deutlich gezeigt, dass der
Erwartungswert allein oft kein geeignetes Kriterium zur Optimierung des Riskos
ist. Zur Festlegung des
Überwachungswerts muss also neben dem Erwartungswert unter anderem auch die
Form der Verteilung in Betracht gezogen werden. Diese Berechnungen sind für die
Verantwortlichen des Tiefbauamtes oder des Klärwerks ohne Simulationsprogramme
jedoch nicht möglich. Allein die Aufbereitung eines Datensatzes für ein
Simulationsprogramm ist recht aufwändig, da statistische und praktische
Überlegungen mit einbezogen werden müssen. (z.B. können Wochenenddaten
vernachlässigt werden, weil an Wochenenden keine Proben durchgeführt werden.)
Da Überwachungswerte unter Berücksichtigung aller relevanten Parameter nur
teilweise korrelieren oder unterschiedliche Verteilungsstrukturen aufweisen und
bei Anwendung der "4-aus-5-Regel" Ausreisserwerte besonders ins Gewicht fallen,
gehen Klärwerksbetreiber meistens auf Nummer sicher und zahlen im Voraus 5 Mio
DM. So müssen sie keine Nachzahlungen
gewärtigen, brauchen sich dann aber kaum mehr zu bemühen, möglichst
wenig Restverschmutzung im Ablauf zu haben.
Wir können also festhalten, dass die
Risikoverminderung für den Einleiter bei der Festlegung der Überwachungswerte
nur mit aufwändigen stochastischen Simulationsprogrammen zu bewerkstelligen
ist. Die Erfahrung in den bisherigen Anwendungen haben gezeigt, dass sich bis
zu 20% der Abgaben einsparen lassen. Aus finanziellen Gründen lohnt sich die
mathematisch-statistische Optimierung, sobald mehr als 1% (dies entspricht dem
Arbeitsaufwand für die Berechnungen gemessen am Gesamtaufwand für die
Kläranlage) eingespart werden kann.
Psychologische Überlegungen
Vorbemerkung
Dieser Fall hat mich deshalb interessiert,
weil ich im Praxisalltag immer wieder mit Schilderungen von Situationen
konfrontiert werde, die zunächst einmal hoffnungslos aussehen. Da geraten
Menschen in Sackgassen, oder sind Bedingungen ausgesetzt, welche individuelle
Handlungsmöglichkeiten kaum mehr erkennen lassen. Als erstes ist man geneigt,
Sturm zu laufen gegen solch menschenfeindliche, einengende sogenannte
Sachzwänge. Je hoffnungsloser und ohnmächtiger die Drucksituation ist, desto
stärker keimt die Wut. Man möchte die Welt verändern, aufschreien, Hand
anlegen. Sie kennen es, wir nennen das Übertragung.
Als uns besagter Fall vorgestellt wurde,
beobachtete ich bei mir die eben geschilderte Reaktion. Ich spürte Wut gegen
diese unbedachten Gesetzeskonstrukteure. Ich meinte sofort erfasst zu haben, wo
das Problem ist und in welcher Richtung eine Veränderung hätte in die Wege
geleitet werden müssen.
Nachdem ich mich innerlich etwas beruhigt
hatte, war ich gespannt zu erfahren, wie andere diese Situation beurteilen,
welche Lösungsvorschläge sie finden. Schliesslich bin ich hier, um etwas zu
lernen.
Im Nachhinein muss ich feststellen, dass die
Autoren (Scholz et al., 1993) genau an jenem Punkt ihre Lösungsvorschläge
ansetzen, wo auch meine Empörung am stärksten war. Sie kritisierten das Gesetz,
zeigten aber auch auf, wie es im technischen und politischen Bereich optimiert
werden kann.
Nun wissen wir aber, dass das Gesetz vor
seiner In-Kraft-Setzung umstritten war und weiterhin umstritten ist. Wir wissen
auch, dass Gesetzesveränderungen äusserst schwerfällig vollzogen werden und
dass es Jahre dauert, bis eine einigermassen einvernehmliche Lösung auf dem
Tisch liegt.
In der Zwischenzeit muss, wie in unserm Fall,
der Einleiter mit der für ihn schwierigen Situation irgendwie zurechtkommen.
Wie ihm bei der Bewältigung seiner technischen
Probleme geholfen werden kann, haben wir gesehen. Wenn wir ehrlich sind, müssen
wir uns und ihm eingestehen, dass er dadurch nur bedingt entlastende
Unterstützung erfährt. Die Hauptverantwortung für einen möglichen Fehlentscheid
kann ihm nicht abgenommen werden.
Es drängt sich deshalb auf, zu untersuchen,
wie dem Einleiter aus psychologischer Sicht geholfen werden kann, zumal hinzukommt,
dass das Gesetz keine malus-bonus-Regel enthält, sondern nur eine malus, und er
infolgedessen ausschliesslich mit der Fehlerseite konfrontiert wird.
In diesem Sinne sehe ich meinen Beitrag als
Weiterführung der Arbeit von Scholz et. al.
Wie reagiert er auf die vielfältige
Drucksituation?
Das einfachste wäre, wenn er mit
Gleichgültigkeit reagieren würde. Er nähme Fehlentscheidungen und die daraus
erfolgenden Mehrkosten in Kauf. Dieses Verhalten könnte er nur dann an den Tag
legen, wenn er sich emotional aus dem Geschehen raushält.
Längerfristig hat das für ihn Konsequenzen:
sein Selbstwertgefühl würde darunter leiden. Er würde demotiviert zur Arbeit
gehen, die Arbeitszufriedenheit würde einer Unzufriedenheit Platz machen,
Fehlentscheidungen könnten sich häufen, und sein Arbeitsplatz wäre dadurch
gefährdet. Das Abspalten der eigenen Gefühle hätte zur Folge, dass er zumindest
latent depressiv würde.
Eine weitere Möglichkeit wäre, wenn er sich
aktiv bemühen würde, die Situation zu verändern. Ich denke da z.B. an die
Gründung einer Arbeitsgruppe von Betroffenen, die auf eine Veränderung des
Gesetzes hinarbeitet. Damit hätte er eine Perspektive und der Alltag, der kurz-
bzw. mittelfristig nicht ändert, würde für ihn erträglicher, nicht zuletzt auch
deshalb, weil er sich mit andern "Leidensgenossen" verbunden weiss.
Eine dritte Möglichkeit, und die ist
wahrscheinlich häufig beobachtbar, auch wenn dazu leider keine Daten vorliegen,
ist, dass er krank wird, psychosomatische Beschwerden hat.
Dies kann unter Umständen dazu führen, und das
wäre die vierte Möglichkeit mit dem psychischen Druck fertig zu werden, dass er
frühzeitig in Pension geht, oder je
nach Alter und Möglichkeiten, eine andere Anstellung sucht, also den Ort des
Geschehens verlässt.
Ich gehe davon aus, dass der Einleiter sozial
gut integriert ist, vielleicht eine Familie hat, ein Eigenheim bewohnt,
zufrieden ist mit der geregelten Arbeitszeit und, sollte ihm nichts Schlimmes
zustossen, auch gewillt ist, bis zur Pensionierung durchzuhalten. Als Ingenieur
hat er zudem ein gutes Salär und ist gesellschaftlich angesehen. Er ist sich
dessen auch bewusst und möchte auf diese Annehmlichkeiten nicht verzichten.
Nun hat er aber eine Aufgabe übernommen, die
ihn zumindest einmal jährlich psychisch fordert, dann nämlich, wenn er die
Erwartungswerte festlegen muss. Gewiss ist er damit nicht allein, so hat er
z.B. einen Junior-Partner, der ihm bei der Beschaffung der notwendigen Daten
behilflich ist. Auch führt er die Verhandlungen mit den entsprechenden Vorgesetzten
nicht gegen sie, sondern er fühlt sich von diesen mitgetragen, da
davon ausgegangen werden kann, dass auch sie
ein vitales Interesse haben, die effektive monetäre Belastung möglichst genau
zu eruieren. Dennoch liegt die Hauptverantwortung bei ihm, dem Einleiter, weil
es zu seinen Aufgaben gehört, diese Entscheidungen als Letztverantwortlicher zu
treffen bzw. einzuhalten.
Die Spannung, die ihn jährlich begleitet,
hängt mit dem Probennehmer zusammen, der jederzeit kommen kann und somit zum
personifizierten Angstgegner wird. Als weitere nicht personifizierte
Angstgegner sind z.B. die
unvorhersehbare Menge von Abwassern und der ebenso nicht ermittelbare Grad an
Verschmutzung zu nennen.
Worin liegt die psychische Hauptbelastung?
Ist es die Ungewissheit, einen Fehlentscheid
zu treffen, ist es das der Willkür ausgesetzte Warten auf den Probennehmer?
Das sind zweifelsohne erschwerende
Arbeitsbedingungen jedoch aus meiner Sicht nicht die hauptsächlichen
Stressfaktoren. Stress bereitet ihm nämlich etwas ganz anderes:
Als Ingenieur ist er sich gewohnt, seine
Entscheidungen auf berechenbare Fakten abzustellen. Wie wir gesehen haben, kann
er dies jedoch in diesem Falle nur bedingt. Mangels technisch zuverlässiger
Daten ist er deshalb angewiesen, seine Entscheidung anders abzustützen.
Von seiner psychischen Struktur her ist er ein
Mann, der das Genaue liebt, sonst wäre er nicht Ingenieur geworden. Er hat
gelernt, Fehler zu analysieren und Lösungsvorschläge zu machen. Er ist ein Mann
dem das Berechenbare lieber ist, als das Zufällige und er ist ein Mann der Tat.
Er ist auf diesen Posten berufen worden, weil seine Vorgesetzten der Meinung
sind, dass er derjenige ist, welcher das Unberechenbare fest im Griff hat.
Nun haben wir aber feststellen müssen, dass er
das, wofür er eigentlich angestellt ist, gar nicht unter Kontrolle haben kann,
so wie es eigentlich gewünscht ist bzw. von ihm erwartet wird. Er ist zwar als
Ingenieur angestellt, jedoch seine Aufgabe entbehrt in grossen Teilen seiner
ursprünglich erworbenen Kompetenz. Was an seinem Posten wirklich gebraucht
wird, ist nicht das solide Ingenieurwissen, sondern spielerische Fähigkeiten.
Ob er diese mitbringt, wissen wir nicht. Ingenieure neigen von ihrer
psychischen Struktur her eher zu Zwanghaftigkeit, oder positiv ausgedrückt, zu
Genauigkeit. Und genau die ist es, welche laut Spielanleitung weder gegeben
ist, noch erreicht werden kann.
Wenn wir dem Einleiter psychologische Hilfe
anbieten wollen, müssten wir mit ihm diese Situation klären d.h. wir müssten
ihm helfen, seine Situation zu analysieren.
In unserer Kultur ist es nun einmal so, dass
wir einen Grossteil unserer eigenen Identität aus der beruflichen Identität
schöpfen. Wertschätzung und Achtung ist stark verknüpft mit der beruflichen
Stellung. Das ganze Bildungswesen ist darauf ausgerichtet und eine der
häufigsten Fragen, die Kindern gestellt wird lautet: "Was willst du einmal
werden?"
Es ist also auch bei unserm Mann davon
auszugehen, dass er sich mit seinem
Beruf identifiziert. Wie ich aber aufzuzeigen versucht habe, besteht
offensichtlich eine Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem, was er meint
zu tun. Diese Diskrepanz ist es, die ihn bewusst oder unbewusst belastet.
Unsere Aufgabe als Psychologe wäre es demnach,
ihm zu helfen, dieses Dilemma aufzudecken. Wenn das gelingt, fühlt er sich
zumindest, was seine berufliche Identität anbetrifft, entlastet. Er muss sich
nicht mehr als Versager vorkommen, er wird von der Last befreit, als Berufsmann
nicht zu genügen.
Das ist das eine. In einem weitern Schritt
ginge es darum, mit ihm zu schauen, wie er seine Kompetenz bezüglich seiner
Aufgabe erweitern kann. Wie wir gesehen haben, geschieht das einerseits mit den
stochastischen Simulationsverfahren. Er erfährt dadurch unmittelbare
Unterstützung in seinem herkömmlichen Beruf. Aber das reicht nicht.
Die Kompetenzerweiterung müsste andererseits
da erfolgen, wo er ein Defizit hat. Er kann nicht umgehen mit dem Bereich der
Ungenauigkeit, der Emotionen und infolgedessen nicht mit Entscheidungen, die
emotionale, spielerische oder kreative Anteile enthalten. Genau in diesen
spielerischen, emotionalen und kreativen Anteilen müsste unser Ingenieur
geschult werden. M.a. W.: die
einseitige Auffassung von sachlich rationaler Problemlösung wird um die
emotionale Kategorie erweitert.
Carola Meier-Seethaler hat dafür den Begriff
der emotionalen Vernunft geprägt. In ihrem Buch "Gefühl und Urteilskraft"
(1997) hat sie postuliert, dass sich die Naturwissenschaften nicht länger nur
auf Objektivität und Rationalität stützen sollen, wenn es gilt, folgenreiche
Entscheidungen zu treffen, sondern verantwortungsvoll die eigenen Gefühle in
Rechnung zu stellen.
Um auf den psychologischen Ansatz in unserm
Fall zurückzukommen heisst das, dass dem Einleiter Raum geboten werden muss,
emotional zu erfahren, was vorgeht. Der Ingenieur muss lernen, sein Dilemma
emotional nachzuvollziehen. Er muss lernen, seine Emotionen so ernst zu nehmen,
dass er sie auch in Entscheidungen miteinbeziehen kann. Dass er sich zum
Beispiel eingesteht, frustiert zu sein, weil er seine Entscheidungen nicht
rational fällen kann.
Wer weiss, vielleicht kommt er eines Tages
sogar auf die Idee, seine Kompetenzerweiterung spielerisch auszuprobieren.
Vielleicht begegnen Sie ihm eines Tages beim Pokerspiel oder beim Roulette im
Spielkasino, wo er dabei ist, Verluste mit Leichtigkeit wegzustecken.
© Dr.phil. Peter Pfisterer, 2003
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