Vom Reden und vom Schweigen in der Schulstunde
Warum Schüler verstummen und was dagegen zu tun ist
Peter Pfisterer
Liebe Lehrerinnen und Lehrer
können Sie sich vorstellen, wie es mir zu Mute
war, als ich, ausgerechnet von einem Lehrergremium die Einladung zur Mitwirkung
an der LehrerInnenfortbildung erhielt?
Können Sie sich, auch nur entfernt, in meine Situation versetzen? Ausgerechnet
ich werde angefragt, zum Thema, “Vom
Reden und vom Schweigen in der Schulstunde” zu sprechen, der ich in meinem
ersten Schulzeugnis die Bemerkung hinnehmen musste: “etwas vorlaut” und ein
halbes Jahr später:”immer noch meint Peter, er müsse überall ungefragt seine
Meinung abgeben”.-
Jetzt soll ich, und das vor LehrerInnen, über
das Reden referieren, nachdem ich einigermassen Erfolg habe mit meinem
beruflichen Schweigen?
Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn Sie
nun stellvertretend einiges zu hören bekommen, was ich Ihren tauben Vorgängern
verschwiegen habe. Umgekehrt verüble ich Ihnen auch nicht, wenn Sie mich
einfach reden lassen, ohne mir zuzuhören. Schliesslich haben wir jahrzehntelanges
Training im gegenseitigen Ausweichen gemeinsam.
Wenn etwas meine Jugend- und, damit
eingeschlossen, meine Schulzeit überschattet hat, so war es dies, nicht gehört
zu werden. Seit der ersten Primarklasse litt ich unter dem Unverständnis. Mit
jedem LehrerInnenwechsel regte sich meine Hoffnung aufs neue, vielleicht jetzt
endlich gehört zu werden. Ausnahmslos auf jeder Schulstufe spürte ich mit
kindlicher Genauigkeit, was ich brauchte, und ich konnte nicht verstehen,
weshalb die Erwachsenen nicht merkten, was not täte. Ich litt zum Teil
auch für meine KlassenkameradInnen.
Dabei wäre es so einfach. Ich wäre ein begeisterter Schüler geworden, wenn ich
Lehrer gehabt hätte, die auf mich eingegangen wären.
Was ich aber lernte, war, dass die Welt der
Erwachsenen anders ist als die für Kinder verständliche. Leider ist es in
unserer Gesellschaft immer noch so, dass die Erwachsenen die Oberhand und somit
das Sagen haben. Uns Kindern bleibt es nicht erspart, uns die Welt der
Erwachsenen anzueignen. Die Ü:bermacht jener, die längst vergessen haben, dass
auch sie einmal unter dem kindlichen Nichtgehörtwerden gelitten haben, ist
erdrückend. Wenn wir gehört werden wollen, müssen wir die Sprache der
Erwachsenen lernen. Dies ist ein langer, beschwerlicher Weg. Das Schlimmste
daran ist, dass darob vergessen werden kann, weshalb wir uns diesem Lernprozess
unterziehen. Die Gefahr, dereinst nur mehr wie die Grossen zu reden, ist direkt
proportional zur zeitlichen Dauer dieses Aneignungsprozesses, das heisst, je
länger wir lernen, uns in der Erwachsenensprache auszudrücken, desto
wahrscheinlicher ist, dass wir
vergessen, was wir einst zu sagen gehabt hätten. Unsere kindlichen
Ideale, unsere kindlichen Wunschvorstellungen, unsere kindlichen Nöte, Freuden
und Sorgen erstarren hinter Krawatte und Nadelstreifen-Anzug.
Die Entscheidung, in welcher Rolle ich vor
Ihnen stehe, fällt mir nicht einfach.
Spreche ich nun als Fachmann zu Ihnen oder als Schulgeschädigter, dem nach
jahrzehntelangem Leiden endlich die Chance zur Anklage geboten wird? Die
Verlockung ist gross, loszuschreien, zu
beschuldigen, abzurechnen.-
Wenn ich als Fachmann dastehe, dann weiss ich
aber, dass auch Sie Schulgeschädigte sind, wie ich gelitten haben unter dem
Unverständnis Ihrer damaligen LehrerInnen und Lehrer, dass auch Sie offene
Rechnungen zu begleichen haben. Ich wage gar zu behaupten, dass Sie die
grösseren Beträge offen haben als ich, sonst hätten Sie die Schule schon längst
verlassen.-
Ich gehe also davon aus, dass Sie mitten im
Verarbeitungsprozess Ihrer persönlichen Leidensgeschichte stecken und deshalb
immer noch in der Schule tätig sind. Sie haben, dies wiederum eine Annahme von
mir, den LehrerInnenberuf erwählt, um einen Teil Ihrer eigenen Geschichte
aufzuarbeiten bzw. zu verarbeiten. Lehrer als Selbstheilungsversuch, ein edles
Motiv (das meine ich nicht zynisch).
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen.
1. These: Die vordringlichste Aufgabe des Lehrers ist es, die
Schüler zum Schweigen zu bringen.
Es ist ein Gesetz des Dschungels, der Starke
setzt sich durch. Dies wiederholt und bestätigt sich auch bei den Menschen,
insbesondere auch im Schulzimmer. In der Regel füllt die ungerichtete Masse
der Schüler den Klassenraum mit Lärm und
Bewegung. Der Raum vibriert vor Aufregung.
Dann tritt der Lehrer auf. Er gebietet Ruhe. -
Die lebendige, laute Vielfältigkeit, das Durcheinander individueller Energien
beginnt sich in gehorsames Schweigen zu wandeln. Der Unterricht kann beginnen.
Der Lehrer gebietet Ruhe. Das ist eine
gesellschaftlich akzeptierte und leider von den Schülern nicht hinterfragte
Norm. Damit gibt er den im Schulzimmer Anwesenden implizit zu verstehen, dass
er zu reden wünscht.
Mit dieser Aufmerksamkeit heischenden Gebärde
beginnt das fatale Hin- und Her
zwischen Reden und Schweigen, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Nichtwissen
und Wissen, zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit, zwischen Unterordnung
und Freiheit, zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Anpassung und
Widerstand.
Fragen:
- Wann betreten Sie in der Regel das Klassenzimmer: vor oder nach
den Schülern? Wissen Sie weshalb?
- Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie mit Ihrem Auftritt in einen
lebendigen Organismus eingreifen?
- Was tun Sie, um die Aufmerksamkeit Ihrer Schüler auf sich zu
lenken?
- Sind Sie sicher, dass das, was Sie zu bieten haben, so wesentlich
wesentlicher ist als das, was die Schüler zu sagen hätten?
- Woher wissen Sie, dass das, was Sie Ihren Schülern vorsetzen, auch
für Ihre Schüler wichtig ist?
- Weshalb müssen Sie die Schüler zum Schweigen anhalten bzw. zum
- Zuhören auffordern? Warum machen die Schüler nicht von sich aus
mit?
- Was hindert Sie, LehrerInnen, daran, sich
in den Lärm der Schüler miteinzumischen, mitzugrölen?
2. These: Das Schweigen der Schüler, die äussere Ruhe, bewirkt
beim Lehrer eine innere Unruhe.
Kaum schweigen die Schüler, sieht sich der
Lehrer einer einheitlichen Macht gegenübergestellt. Was vorher noch ein wildes
Durcheinander war, ist nun plötzlich erstarkt. Stark in der Einheitlichkeit des
Schweigens. Zwanzigfache Erwartungen spürt der Lehrer auf sich gerichtet. Er
ist allein, allein gegenüber zwanzig.
In eine Masse hineinzurufen und Ruhe zu
heischen, ist relativ einfach. Einfach deshalb, weil die
Masse der Schüler noch ungerichtet und
deshalb nicht mächtig ist. Im Moment, wo sich eine Masse zu formieren beginnt,
auf ein Ziel hin ausgerichtet ist, wird sie mächtig. In unserm Beispiel wird
sie übermächtig, 20 : 1.
Es ist paradox, dass ausgerechnet der Lehrer
es ist, der den Schülern zu ihrer Macht verhilft, indem er sie schweigen
heisst, denn wer diesem zwanzigfachen Schweigen ohnmächtig gegenübersteht, ist
der Lehrer. –
Man vergegenwärtige sich nochmals diesen
kurzen Moment der Umkehr zu Beginn der Unterrichtsstunde. Diesen Moment müssen
wir nun von zwei Seiten aus betrachten, vom Lehrer aus und vom Schüler aus.
Für den Schüler drängen sich folgende Fragen
auf:
- Wie bewältige ich die vom Lehrer erzwungene Richtungsweisung?
- Wie anders kann ich mich gegenüber dieser magistralen Anmassung
verhalten, als zu schweigen?
- Wielange brauche ich, bis ich mich umgestellt habe?
- Worauf habe ich mich einzustellen?
- Bin ich bereit, mich auf etwas Neues einzulassen? Wenn nein, was
dann?
Für den Lehrer lauten die Fragen:
- Was mache ich, nachdem ich Ruhe im Schulzimmer habe?
- Wie verkrafte ich es, dass ich allein zwanzig Menschen zum
Schweigen gebracht habe?
- Wie gehe ich mit dem um, was mir die Schüler verschweigen?
- Wie erlebe ich das Schweigen meiner Schüler?
- Was geht in mir vor, wenn ich dem zwanzigfachen Schweigen
gegenüberstehe?
Es gibt nun Schüler, die in diesem Augenblick
erleben, was sie aus ihrer Kindheit bestens kennen. Szenen am familiären
Mittagstisch: - Die Kinder haben zu schweigen, sie stören die Gespräche der
Erwachsenen, sie sind unerwünscht, wenn sie nicht stillsitzen können. Schüler
mit solcher Lernvergangenheit haben
gelernt, wie sie dem Ärger der Erwachsenen ausweichen können: sie
schweigen. Wie verheerend ist in diesem Fall dann die logische Konsequenz des
vielzitierten: “Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.” Wen
wundert´s, wenn dann diese Schüler auf die erste Zurechtweisung wiederum mit
Schweigen reagieren?
Dann gibt es aber auch jene Schüler, die durch
die elterliche Verunsicherung überfordert werden. Es sind Kinder jener Eltern,
die, beeinflusst durch antiautoritäre Ideen, neue Wege in der Erziehung
eingeschlagen haben. Die Eltern verliessen die herkömmlichen Normen, liessen
ihre Kinder gewähren, weil es verpönt war, Grenzen zu setzen. Kinder dieser Generation sind oft führungs- und orientierungslos
und dadurch in ihrem Kindsein überfordert.
Es könnte nun spannend sein, hier einen Moment zu verweilen, sich die
Frage zu stellen, welche Art von Erziehung Sie erlebt haben und nach welchen
Leitideen Sie Ihren Unterrichten aufbauen. Und vielleicht finden Sie hier einen
möglichen Erklärungsansatz, weshalb Sie ausgerechnet diesen Beruf erwählt
haben.
Was stöhnen Sie, liebe Lehrer, über die
Verschlossenheit Ihrer Schüler? Auf Ihrer Stufe möchten Sie mit Ihnen ins
Gespräch kommen, vergessen aber, dass diese eine mindestens fünfzehnjährige
Erfahrung haben, mit der eigenen Meinung hintanzustehen. Gelernt ist eben gelernt.
Die Schule als mögliche Alternative zum
Elternhaus verpasst ihre Chance mit dieser ruhegebietenden Geste. Der Lehrer
wird zum verlängerten Arm des Vaters, die Lehrerin zum Sprachrohr der Mutter.
Die Unruhe des Lehrers, der Lehrerin in der selbstauferlegten Rolle ist
ungemütlich.
3. These: Der Lehrer ist mit dem zwanzigfachen Schweigen
seiner Schüler überfordert.
Zwanzigfach schlägt ihm nun das Schweigen
entgegen. Noch bevor er mit dem Unterricht beginnen kann, muss er sich damit
auseinandersetzen, wie er diesen Zustand überwinden kann. Das Aushalten des
Schweigens kann sich ins Unerträgliche steigern, denn je länger das Schweigen
anhält, desto grösser wird die innere Unruhe.
(Eine informative Übung dazu: Zwei Personen
sitzen einander gegenüber und schweigen so lange, bis einer dem Druck nicht
mehr zu widerstehen vermag und zu sprechen beginnt.)
Der Lehrer ist hier gegenüber seinen Schülern
eindeutig im Nachteil, bzw. die schweigenden Schüler sind gegenüber dem
Angeschwiegenen insofern im Vorteil, als sie aufs Schweigen konditioniert sind
und zu warten gelernt haben, bis der andere, in unserm Fall der Lehrer, das
Schweigen nicht mehr erträgt und zu sprechen beginnt. Es ist ein
Mini-Machtkampf, ein kleiner Triumph des Schülers.
Sinnvollerweise müssten sich die Lehrer
gelegentlich mit der Frage auseinandersetzen, was ihnen ein schweigender
Schüler zu sagen hat. Weniger, was sich hinter dem Schweigen verbirgt, also
das, was verschwiegen wird, sondern vielmehr das Schweigen selbst sollte
hinterfragt werden.
Leider wird allzuoft das Schweigen
abgebrochen: durch Reden. Im üblichen Sprachgebrauch sagt man: das Schweigen
brechen. Dagegen sagt man: das Reden unterbrechen. Bekannt ist in diesem
Zusammenhang, dass das Schweigen gebrochen wird. Nach meinem sprachlichen
Empfinden ist das unterbrochene Reden viel weniger stark als das gebrochene
Schweigen. Am einen Ort bricht etwas entzwei, am andern entsteht lediglich eine
Pause.
Weshalb ist es denn für den Lehrer so
schwierig, das Schweigen seiner Schüler auszuhalten?
Der Lehrer fordert das Schweigen als
Voraussetzung fürs Schulehalten. Schliesslich wird er ja dafür bezahlt, dass er
von seinem Wissen weitergibt. Also hat er auch die Pflicht, für Ruhe und
Ordnung zu sorgen. Denn nur da, wo die Regeln des abwechslungsweisen
Zuhörens und Redens respektiert werden,
kann entstehen, was wir menschliche Kommunikation nennen.
Im Moment, wo der Lehrer Ruhe fordert, wird
aus zwanzig Individuen eine Klasse. Diese Reduktion ermöglicht es dem Lehrer,
den heiklen Punkt des Ungleichgewichts zu überwinden. Dadurch wird das
Verhältnis wieder ausgeglichen. Es stehen sich nun nicht mehr 20 Schüler und
ein Lehrer gegenüber, sondern ein Lehrer steht vor einer Klasse, das Verhältnis
ist 1:1. Der Unterricht könnte beginnen.
Auf den Schüler hat diese Reduktion eine
andere Wirkung: Er büsst Zuwendung ein, was er je nach Situation vor- oder
nachteilig erlebt. Vorteilig, wenn er sich zu drücken wünscht, nachteilig, wenn
er Kontakt zum Lehrer sucht.
4. These: Das Machtmittel des Lehrers im Kampf gegen das
Schweigen der Schüler ist sein Wissensvorsprung.
Vergegenwärtigen wir uns diesen kurzen Moment,
wo beidseitiges Schweigen herrscht. Der Lehrer hat es gefordert, die Schüler
befolgen es. Kennen Sie dieses mulmige Gefühl unmittelbar vor dem ersten Wort?
Erinnern Sie sich, dass Sie diesen Moment schnellstens hinter sich bringen
möchten, damit niemand sieht, wie unsicher Sie sind? Gehe ich richtig in der
Annahme, dass der Beginn des
Unterrichts etwas vom Schwierigsten in Ihrem Beruf ist? Haben Sie sich je
einmal Rechenschaft darüber abgelegt, weshalb dem so ist?
Es geht ja nun darum, dass der Lehrer in
Aktion tritt, etwas von sich gibt, die Klasse auf eine Fährte bringt, kurz, er
gibt mit dem ersten Satz bekannt, was in der folgenden Stunde zu geschehen hat.
Vor diesem richtungsweisenden Anfang liegt
eine enorme, kaum spürbare Vorarbeit.
Dabei denke ich weniger an die fachdidaktische Aufarbeitung des Stoffes, als
vielmehr an die implizite Auseinandersetzung mit dem Bildungsauftrag. Dieser
ist aufgegliedert in einen offiziellen und einen persönlichen Teil. Der
offizielle Bildungsauftrag ist in Lehrplänen festgehalten, den persönlichen
geben Sie sich selbst. Ohne ein persönliches Anliegen in der Schule
verwirklichen zu wollen, ist es m.E. nicht möglich, Schule zu halten. Ein jeder
von Ihnen, eine jede von Ihnen ist in den
Schuldienst eingetreten, um irgend etwas zu bewirken. Erinnern Sie sich wieder
an Ihre Ideale, Ihre Utopien? -
Keine Angst, ich werde Sie nicht nach Ihren
Motiven fragen, ich fordere Sie nur auf, Ihre jugendlichen Ideale nicht zu
vergessen. Sie sind die Quelle für einen lebendigen Unterricht.
Ein Lehrer, der sich von seinen
Jugendidealen entfernt und die Hoffnung
aufgegeben hat, dass er mit seinem Wirken auch nur einen Schritt in Richtung
Utopieverwirklichung hinarbeitet, sollte den Schuldienst schleunigst
quittieren, er ist tot.-
In Ihren Idealen liegt Ihre persönliche
Stärke, das, was in abgeschwächter Form auch als Ihre Ausstrahlung bezeichnet
werden kann. Aber nicht nur Ihre Stärke ist darin verborgen, sondern auch Ihre
grösste Verletzlichkeit.
Somit steht der Lehrer seiner Klasse immer mit
sich selbst, seiner Person und seinem Stoff, den er zu vermitteln hat,
gegenüber.
Der Lehrer hat einen Bildungsauftrag. Dieser
liegt immer um mindestens eine Generation im Hintertreffen, weil die eigene
Lernerfahrung die Basis des Auftrages ist, welche naturgemäss der Vergangenheit
angehört. Es wird also immer so sein, dass der Bildungsauftrag und vor allem
der Inhalt desselben veraltet ist. Damit sind das Instrument und die
Zielvorstellungen, mit und nach welchen der Lehrer seine Schüler in ihre
zukünftige Welt ein- bzw. zu ihr
hinzuführen hat, antiquiert.
Die Tragik des Lehrers ist es, an einer
Schaltstelle zu sitzen, wo er die Aufgabe hat, mit einem permanent
revisionsbedürftigen Instrumentarium seine Schüler auf ihre zukünftige
(erwachsene) Welt hin vorzubereiten, ohne zu wissen, wie die Zukunft seiner Schüler
sein wird. Er wird seinen Schülern
Wissen vermitteln, von dem er weiss, dass es für seine (erwachsene) Welt
Bedeutung hatte. Er kann aber nie überprüfen, was von diesem Wissen Relevanz
hat für die erwachsene Welt seiner Schüler.
Mit diesem Dilemma müssen wir leben. Dieses
Dilemma kennen nicht nur Sie im Unterricht, wir kennen es alle, insbesondere
wir Eltern.
Entscheidend für den Unterricht ist, wie der
Lehrer mit diesem Vergangenheits-Zukunfts-Dilemma zurechtkommt bzw. damit
umgeht. Macht er es sich einfach, dann kann er sich auf seinen
Wissensvermittlungsauftrag zurückziehen. -Was uns prägt, sind unsere
Erfahrungen. Und wenn wir etwas mit Bestimmtheit wissen, dann ist es die durch
Erfahrung erworbene Gewissheit, wie relativ unser Wissen ist, gemessen an den
uns täglich drängenden menschlichen Fragen. Letzteres geben Ihnen Ihre Schüler
mit ihrem Schweigen zu verstehen. Das ist bitter.
Das Entscheidende im Umgang mit Wissen ist
nicht die Quantität, sondern der Umgang damit. Beispiel: Ein Lehrer, der seine
Schüler 150 verschiedene Vogelarten auswendig lernen lässt, verlangt
quantitativ viel. Qualitativ gibt er eine andere Aufgabe: Er möchte, dass seine
Schüler einen Begriff von der Vielfältigkeit der Natur erfassen.
Gleichgültig welches Fach Sie unterrichten,
was bei Ihren Schülern haften bleibt, ist die Art Ihres Unterrichts. In diesem
Sinne sind Sie tatsächlich Vorbilder für Ihre Schüler. Sie sind das Modell für
Ihre Schüler, das Modell, für den Umgang mit dem vielen Wissen. Sie haben
gegenüber Ihren Schülern einen Wissensvorsprung. Sie gliedern den Stoff, bilden
Schwergewichte, deuten, werten und interpretieren. Dadurch vermitteln Sie, ob
Sie sich dessen bewusst sind oder nicht, eine Struktur, “a structure of
handling knowledge”. Diese Struktur ist es, die primär auf die Schüler wirkt.
Sie ist die Kurzform Ihres Anliegens, welches Sie Ihren Schülern und
Schülerinnen mitgeben. Diese Struktur ist quasi Ihr Vermächtnis zu Lebzeiten,
welches Ihre Schüler mit absoluter Sicherheit aufzuspüren wissen.
Ist einem Lehrer sein “feu sacré” abhanden
gekommen, so sind es die Schüler, die es zuerst bemerken. Die Schule verkommt
für sie zum Job, das Hin und Her von mehr oder weniger Wissen beschränkt sich
auf die Berechnung des Notendurchschnitts. Ein sinnloser Machtkampf, bei dem es
nur Verlierer gibt.
Sie als Lehrer entscheiden durch Ihr
Engagement und durch das Teilnehmenlassen, ob die Schule die gegenwärtige Form
der Kinderfabrikarbeit ist, in welcher Sie die Vorarbeiter sind, oder ob in der
Schule eine lebendige Auseinandersetzung zwischen establishment und Alternative
stattfindet.
Ein Lehrer ist durch seinen Wissensvorsprung
immer der Mächtigere. Er kann es seine Schüler wissen lassen. Er schafft damit
auch eine Distanz zwischen sich und ihnen. Eine Distanz, die er möglicherweise
braucht. Er kann seine Schüler aber auch teilhaben lassen an seiner eigenen
Auseinandersetzung mit dem Stoff. Auf dieser persönlichen Ebene hätte er etwas
zu bieten, was wirklich spannend ist.
5. These: Was Lehrer miteinander verbindet, ist ihre
Verletzlichkeit. Aber gerade darüber wird am meisten geschwiegen.
Je länger ich mich mit dem Thema “Vom Reden
und vom Schweigen in der Schulstunde” auseinandersetze, desto unverständlicher
wird mir, weshalb Sie Lehrer und Lehrerinnen sich nicht mehr zur Wehr setzen.
Weshalb Sie mehr oder weniger stumm, brav Ihren Unterricht erteilen.
Ich nehme es vorweg: Ich könnte mir nicht
vorstellen, in der heutigen Zeit Lehrer zu sein. Ich wäre überfordert,
überfordert durch die Vielfalt bzw. Widersprüchlichkeit der Erwartungen.
Wenn ich das richtig sehe, dann sind Sie einer
fast unlösbaren Aufgabe gegenübergestellt.
Nehmen wir ein Beispiel: Ein Deutschlehrer
unterrichtet in der Woche 22 Stunden.
Er hat 6 Klassen. Jede Klasse sieht er
wöchentlich 3 - 5 Mal. 6 Klassen, das sind ca. 120 Schüler. Jeder von diesen
120 Schülern hat den berechtigten Anspruch, persönlich ernst genommen zu
werden. Er möchte individuell behandelt werden.
Der Lehrer hat sich nach jeder Stunde bzw.
Doppelstunde auf eine neue Klasse einzustellen. Auch wenn nicht jeder Schüler zum Wort kommt, so ist der Lehrer
immer einer potentiellen Überzahl an persönlich fordernden Einzelpersonen
gegenübergestellt. Jeder Schüler möchte gehört werden, möchte auf der
Beziehungsebene geschätzt und anerkannt werden. Auch wir haben dieses
Bedürfnis, selbst wenn es nicht immer
offensichtlich ist. In jeder Begegnung ist der beidseitige
Anspruch, vom andern be- und vor allem
geachtet zu werden.
Für den Lehrer hiesse das, auf jeden Schüler
einzugehen. Angesichts der Anzahl der Schüler scheint mir das ein schieres Ding
der Unmöglichkeit zu sein. Hierin liegt eine Überforderung.
Die Forderung von Eltern und Gesellschaft an
die Schule bzw. Lehrer tendiert in
Richtung Förderung des Individuums. Je unfähiger die Eltern sind, je
weniger der Rechtsstaat mit randalierenden oder drogensüchtigen Jugendlichen
zurechtkommt, desto lauter wird die Kritik an der Schule. Den Lehrern wird die
Aufgabe zugedacht, alles, was im Elternhaus schiefgelaufen ist,
wiedergutzumachen. Persönliches Versagen der Eltern wird oft in Kritik am
Lehrer umgewandelt. Hier gilt es als Lehrerschaft Stellung zu nehmen,
abzugrenzen. Sie können und dürfen es nicht hinnehmen, dass Sie zum Korrektiv
degradiert werden.
Oder können Sie sich vorstellen, dass es
Lehrer gibt, die diesen Beruf gewählt haben, um auf der Unterstufe das
Zähneputzen zu überwachen, auf der Mittelstufe die Kinder auzufklären oder um
auf der Oberstufe Aids-Prophylaxe betreiben zu dürfen?
Die Schule ist ein Mittelding zwischen Elternhaus
und Staat. Der Lehrer ist in der Schlüsselposition. Vom Staat wird von
ihm gefordert, dass er die Schüler zu rechtschaffenen Bürgern macht, zu
nützlichen Gliedern der Gesellschaft hin erzieht. Die Aufforderung des Staates,
die Schüler sollten sich kritisch mit dem Bestehenden auseinandersetzen und die
Lehrer sollten sie dazu anleiten, ist eine Lüge. Die Geschichte lehrt, dass
noch nie Machthaber freiwillig auf ihre Macht verzichtet haben. Der Staat ist,
wie jede Institution, auf Bewahrung aus. Er fordert demzufolge Eingliederung,
Anpassung. Alles andere ist für ihn bedrohlich, weil jeder Änderungsvorschlag
aufgefasst wird als Kritik am bisher Erreichten. Alternative ist nur insofern
erlaubt, als sie das establishment nicht tangiert. Alternative also nur
innerhalb des gesteckten
Rahmens. Erlaubt sind Retuschen, mit Betonung auf Vertuschen.
Alternatives Denken und Handeln muss sich,
wenn es diesen Namen beansprucht,
selber definieren.-
Die Eltern fordern vom Lehrer, dass er
ihre Kinder individuell fördert, auf sie ein-geht, sie versteht. Ein Lehrer,
der durchblicken lässt, dass er an der elterlichen
Erziehung Zweifel hegt, ist suspekt. Mit seiner möglichen Kritik
stösst er in einen höchst empfindlichen Teil vor und wird selbst zum
Sündenbock. Statt Unterstützung von den Eltern erfährt er massivste
Zurückweisung.
Die Sandwich-Position, in welcher sich
jeder Lehrer befindet, ist als solche noch nicht schlecht. Es lässt sich auch
da leben. Die Schwierigkeit ergibt sich durch die Unklarheit der Zugehörigkeit
bzw. seiner Identifizierbarkeit. Aber auch damit liesse sich leben. Selbst mit
der mangelnden Unterstützung von seiten des Staates einerseits und der Eltern
andrerseits könnte man leben. Was aber tatsächlich schlimm ist, ist die
Geringschätzung seiner Person. Dies trifft die verletzliche Seite.
Wen interessiert es schon, wie es dem Lehrer
geht, was ihn beschäftigt, was seine Nöte sind, mit welchen Schwierigkeiten er
zurechtkommen muss. Hauptsache ist doch, dass er möglichst anstandslos
funktioniert und die Kinder unterhält, derweil die Eltern Wichtigeres(?) tun.
Dass er eine unendlich schwierige Aufgabe hat, sich in diesem Dilemma zwischen
Wissensvermittlung und persönlichem Engagement zurechtzufinden, wird von
vornherein ausgeschlossen. Dass ein Lehrer
überfordert sein könnte, wird ihm angesichts der vielen Ferien und des
gesicherten Einkommens rundweg abgesprochen.
So plätschert die Schule still dahin.
Wo sind die Lehrer, die auf diese
Überforderung reagieren, die sich auch nach aussen abgrenzen, die sich dieser
Ausmarchung stellen? Die sich gegenüber Staat und Elternschaft abgrenzen? Nach
der eigenen Identität in dieser Sandwich-position suchen, die Diskussion
öffentlich machen, aufzeigen, was die Schule kann und wo Grenzen sind?
Diese Auseinandersetzung darf nicht auf dem
Buckel der Schüler ausgetragen werden. Sie muss öffentlich gemacht werden. Ich
vermute aber, dass hier einige Schüler etwas abbekommen, was nicht auf ihr
Konto gehörte. Der Kampf um Anerkennung darf nicht im Schulzimmer geführt
werden. Diese Auseinandersetzung muss auf der Ebene der Erwachsenen
stattfinden.
Es sind nicht die schlechtesten Lehrer, die
angesichts der persönlichen Überforderung den Schwerpunkt ihres Unterrichts auf
Stoffvermittlung verlegen, und es sind auch nicht die lausigsten Schüler,
welche sich um den Unterricht
foutieren. Beide tun doch dasselbe: sie schweigen sich aus über ihre
persönliche Befindlichkeit.
Es ist Lehrern nicht einmal zu verübeln, wenn
sie angesichts der persönlichen Überforderung resignieren. Nur sollten
sich jene dann bewusst sein, dass sie damit
ihren Schülern ein Modell vermitteln, wie sie auf Überforderung reagieren: mit
Resignation.
Verstehen Sie jetzt, weshalb Ihre Schüler
schweigen? Ihre Schüler sind eben gute Schüler. Sie gucken ab und kopieren.
Solange Überforderung als Makel taxiert, als
persönliches Versagen erlebt wird, solange wird geschwiegen. Beidseitig. Hier
könnten Sie vorangehen, Lehrer sein. Aussprechen, was bislang tabu war.
Die Krise der Schule ist eine Identitätskrise
der Lehrer.
Aufgabe der Lehrer ist, sich auf sich selbt
zurückzubesinnen, ihre persönlichen Grenzen wieder zu spüren. Was not tut ist,
dass Sie, Lehrer, Sie Lehrerinnen, auf diese vielfältigen, widersprüchlichen
Anforderungen reagieren, sich zumindest dessen bewusst werden. Was not tut sind
Lehrer, die Fragen zu stellen wagen: Wo stehe ich, was will ich, was ist mir
wichtig und: wie geht es mir dabei?
Über diese Fragen müssten Sie miteinander ins
Gespräch kommen. Sie müssten es nur wagen, voreinander
zuzugeben, dass Sie oft menschlich
überfordert sind.
Wenn Sie Ihr Schweigen brechen,
beginnen Ihre Schüler wieder zu reden.-
© Dr.phil. Peter Pfisterer, 2003
Publiziert in: Schweizerische Lehrerinnen- und Lehrer-Zeitung. Heft 18, 10. September 1992
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