Emotional check-up *
Führungskräfte sind sich gewohnt, unter hohem Druck zu arbeiten.
Doch manchmanl werden die Belastungen zu hoch. Peter Pfisterer beschreibt
anhand eines Fallbeispiels seine Erfahrungen in der Beratung von ManagerInnen
und stellt die Leitgedanken seiner Arbeit vor.
Ich bin Linkshänder, geboren in der Zeit, als man dieser Abartigkeit mit Tötzis
beizukommen pflegte. Auf dem Zeigefinger, den meine Lehrerin mit hartem Schlag
präzise traf, bildete sich eine Warze, welche der Doktor entfernen musste. Später
wurden Tafel und Griffel durch Schreibheft und Tintenfedern ersetzt, ebenso die
Lehrerin. Geblieben ist mir das Handikap der Linkshändigkeit. Im Singen und im
Turnen war ich zwar gut, doch reichten Musikalität und Bewegungsdrang weder zum
Opernsänger noch zum Kunstturner. Geblieben ist mir mein feines Gehör für
Stimmigkeit. So wurde ich Psychologe.
In meiner Praxis arbeite ich häufig mit Personen, die in Wirtschaft, Verwaltung
oder Politik eine Führungsfunktion innehaben. Psychologische Beratung nehmen
sie meist aus eigenem Antrieb in Anspruch, weil sie ein persönliches Anliegen
haben. Mit der Frage nach dem Anliegen hat die Arbeit bereits begonnen, da
ich kein Dienstleistungserbringer bin, sondern aktive Mitarbeit fordere.
"Sofort beginnen"
Nehmen wir ein Fallbeispiel zu Hilfe. Ein 39-jähriger Manager bringt im Erstgespräch folgende Facts vor:
Erneuter Stellenwechsel, Vorgänger sei operativ noch tätig, so könne er sich strategisch vorbereiten,
Konstellation sei so, dass er Kreativität entwickeln könne, Führungskennzahlen, Deckungsbeitrag,
Kosten-Leistungsrechnung, Umsatz um cash zu generieren, Rentabilität, sei jetzt in Turnaround
Unternehmung, mit gutem Team gute Arbeit leisten, den Tatsachen ins Auge sehen, Matrix-Linie,
direkt dem CEO unterstellt, verheiratet, ein vorschulpflichtiges Kind - in Malaysia geboren,
wo er für die Weltbank tätig war -, zuvor bei einer Chemischen, danach Oekologie-Oekonomie-Systemkybernetik,
Gutachter für Entwicklungszusammenarbeit, overshoot and collaps.
Ich versuche zu verstehen. Die Aufzählung kommt mit Druck auf mich zu. Er wolle mir möglichst schnell viele
Informationen geben, damit ich sofort mit meiner Arbeit beginnen könne. Aber was ist denn
jetzt sein Anliegen an mich?
Ich erfahre, wie er nach einer Lehre die Matura nachgeholt, ein Ing.-Studium in kürzester
Zeit gemacht und neben einem anspruchsvollen Job in London den Master of Science erworben
und später auch doktoriert hat. Harvard.
Ob er denn auch stolz sei auf seine Leistung, will ich wissen. Na ja, er wisse zwar,
dass er einiges erreicht habe. Wie ihm denn zu Mute sei, wenn er mir seinen Werdegang so schnell
hinlege. Eben, das sei es ja. Nebst seinem beachtlichen Leistungensausweis habe er in den
letzten Berufsjahren lang anhaltende negative Erfahrungen gemacht. Seine eigene
Reflektionsfähigkeit erlaube es ihm durchaus, über gewisse Erfahrungen zu ziehen bzw.
Einsichten in sein Verhalten und seine Kommunikation zu gewinnen. Trotzdem seien parallel
dazu Blockaden, Verweigerungen, starke Aggressionen und Verlustängste gewachsen. Er habe
nun Bedenken, dass im zwischenmenschlichen Bereich, gerade in der Integrationsphase am
neuen Arbeitsplatz, letztere Symptome wieder auftreten könnten. Die Folge davon seien
meist exzessives Arbeiten, Schlafstörungen mit entsprechendem Energieverlust und
verminderter Lebensqualität. Er möchte mit dem allgegenwärtigen Druck gelassener
umgehen, Energie fördernde, positiv verstärkende Wechselwirkungen aufbauen.
Sein Ziel scheint klar zu sein, mein Auftrag auch. Doch wie kann ich diesem rastlosen Menschen beibringen, vermehrt auf sich zu achten? Er sei bereit, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, sei dankbar, dass er hier sein dürfe. Er stehe unter Stress bezüglich seiner neuen Aufgabe und möchte so schnell wie möglich mehr Gelassenheit erlangen. "Mit Volldampf also?" Wir lachen beide. Dann legt er wieder los.
Ich schlage vor, das, was sich zwischen ihm und mir während der Sitzung abspielt, genauer zu untersuchen, in der Annahme, dass er sich mir gegenüber nicht viel anders verhält wie andernorts. Mein Blick sei böse. "Ist er wirklich böse oder eher ernst", frage ich nach. "Ernst und streng", meint er darauf. Ich will wissen, ob er gemerkt hat, dass es ihm eben ohne grosse Anstrengung gelungen ist, selber zu entdecken, was er wirklich wahrnimmt? Unsere Zusammenarbeit hat begonnen.
Permanenter Aktionismus
In die nächste Sitzung kommt er angespannt, wirkt gehetzt und fühlt sich gedrängt,
Bericht zu erstatten. Auf mein mehrmaliges Nachfragen, was denn jetzt zwischen ihm
und mir sei, beginnt er unruhig zu werden. Der Ärger ist ihm förmlich ins Gesicht
geschrieben. "Nein, nein", wehrt er ab. Er sei neugierig, es sei ein Challenge und
eine Chance für ihn, hier zu sein. Was denn mit dem Ärger sei, will ich beharrlich
wissen. Natürlich sei es ungewohnt für ihn, direkt zu antworten und sich nicht zu
rechtfertigen. Von seinem Klavierlehrer sei er geschlagen worden, als er eine Note
falsch gespielt hatte. Auch sein Französischlehrer habe sich ihm während einer
Klausurarbeit von hinten genähert, ohne dass er es bemerkt hatte. Die Ohrfeige
habe er allerdings noch länger gespürt. Ja, es stimme, wenn ich ihn jetzt darauf
aufmerksam mache, dass er eigentlich immer auf der Hut sei. Auch im Gespräch mit
andern, falle ihm jetzt ein, sei er dauernd darauf aus, nichts Falsches zu sagen
und achte sich, wie die andern reagieren.
Dass er so etwas wie Ärger auf mich verspürt habe, stimme schon ein bisschen.
Aber das könne doch nicht sein, schliesslich komme er ja hierher um etwas zu lernen.
Wenn ich meine, er dürfe wirklich sagen, was er spüre, sei das für ihn schon neu.
Take the blame, give the credit! Das sei ihnen eingetrichtert worden.
Nicht in diesen permanenten Aktionismus zu verfallen sei schwer, teilt er mir
nach der Sitzung per Mail mit. Schweigen zu können, hinhören, ohne gleich getrieben
zu sein, etwas zu sagen, sei schwierig. Aber noch schwieriger sei es für ihn, in einer
Sitzung auf sich selber zu achten, wo so viele Erwartungen im Raum sind. Das sei Luxus
für ihn.
Aber irgendwie spüre er schon, dass es das sei, was er suche. Er brauche keinen
Piccard und keinen Krueger. "Wer fragt, der führt", laute eine alte Führungsregel.
Diesen Lead an mich abzugeben, sei für ihn nicht einfach. -
Soweit das Fallbeispiel.
Leitgedanken
Die psychologische Arbeit mit Führungskräften orientiert sich an grundsätzlichen
Leitgedanken, die im Folgenden genauer erörtert werden:
-
Missachtung der Funktion, Achtung der Person
-
Lösungsorientiert vs. Befindlichkeit
-
Neue Verbindlichkeit festlegen
-
Im Hier und Jetzt bleiben
-
Gefühle der Übertragung fördern
-
Auf Stimmigkeiten achten
1. Funktion missachten, Person achten
Auch wenn die fachliche Kompetenz und die berufliche Karriere der KlientInnen
beeindrucken, für die beraterisch/therapeutische Arbeit sind sie nicht relevant.
Im Fokus der Beratung steht ausschliesslich die Person, der Mensch und nicht
dessen Funktion. Ziel der Beratung ist die Stärkung der innern Sicherheit,
die Wiederherstellung des inneren Wohlbefindens der Ratsuchenden.
2. Lösungsorientiert vs. Befindlichkeit
Führungskräfte sind in der Regel Macher. Oft ist ihr beruflicher Erfolg gepaart mit
persönlichem Verzicht. Die Zielerreichung hatte bislang Vorrang, eigene Bedürfnisse
wurden zurückgesteckt.
Im beraterisch/therapeutischen Setting steht für einmal nicht eine Aufgabe und
deren Lösung im Zentrum, sondern die Befindlichkeit der Rat suchenden Person.
Auf die eigene Befindlichkeit achten, sich selber wieder ernst nehmen, sich
selber Wert beimessen, wird wieder erlernt.
3. Neue Verbindlichkeit festlegen
Easy-going ist häufig die Antwort auf die allgemeine Verunsicherung am Arbeitsplatz.
Wenn dazu persönliche Verletzungen und Kränkungen als Bagatellen abgetan werden, entsteht
krank machender psychischer Stress. Für das eigene Wohlbefinden ist jeder selber verantwortlich.
Das erfordert eine Verbindlichkeit sich selber gegenüber. Die Sorgfalt im Umgang mit der
eigenen Person ist im beraterisch/therapeutischen Setting oberstes Gebot.
4. Im Hier und Jetzt bleiben
Der geschützte Rahmen bietet Raum, unmittelbar auf das einzugehen, was sich zwischen
Therapeut und KlientIn abspielt. Analog zum medizinischen check-up findet ein emotional
check-up statt. Dabei geht es um die gefühlsmässige Befindlichkeit, d.h. um das
Wahrhaben-Dürfen des eigenen Empfindens.
Das Ziel ist, aus Gefühlssackgassen herauszuführen und kreative Energien freizulegen
und unbewusst brach liegende Kräfte wieder nutzbar zu machen. Sie sind es, die
letztlich mehr Effizienz, berufliche Produktivität und Zufriedenheit bewirken.
5. Gefühle der Übertragung fördern
Mit wenig Übung lernen KlientInnen rasch, auf eigene Gefühle zu achten.
Ärger und Wut - bestens kontrollierte Impulse - sollen in der therapeutischen
Arbeit gefördert werden. Erfahrungsgemäss sind gerade die mit Scham gepaarten
sogenannt "negative" Gefühle der Schlüssel zu den Ressourcen der Kraft. Das
therapeutische Setting ermöglicht es, neue Erfahrungen mit "alten", ursprünglichen
Gefühlen zu wagen.
6. Auf Stimmigkeiten achten
Gesprächsinhalt und emotionale Beteiligung stimmen - zumindest zu Beginn der
Beratung - oft nicht überein. Horrorgeschichten werden lächelnd erzählt, als
wären es Anekdoten. Es ist Aufgabe des Therapeuten auf die Kongruenz hinzuarbeiten
bwz. die KlientInnen in der eigenen Wahrnehmung zu unterstützen. In diesem Sinne
übernimmt er eine gewisse Führungsfunktion. Konsequentes Überprüfen der unmittelbaren
Gefühlsimpulse stärkt das Vertrauen der Klientinnen und Klienten in die eigene
Wahrnehmung, was rasch zu mehr Autonomie, Spontaneität und Kreativität führt.
Lohnender Einsatz
Dass die Arbeit mit ManagerInnen nicht mit links gemacht werden kann, versteht
sich von selbst. Aber wenn es gelingt, deren Fähigkeit zu wecken, wieder auf die
innere Stimmigkeit zu hören, lohnt sich die Mühe.
* Erschienen in: Psychoscope. Zeitschrift der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen. Vol. 27, 5/2006.
zurück
|